1. Wie alles anfing: Fische waren meine erste große Leidenschaft. Sie begann mit dem Anblick eines Aquariums bei einem Lindheimer Handwerker namens Kempf, der im „Im Schlag“ wohnte. Ich war 10 Jahre alt und weiß heute nicht mehr, was mich in sein Haus führte, doch der Anblick seines Aquariums mit bunten Guppys auf der Fensterbank bleibt mir unvergessen. Das wollte ich auch haben. So begann ich mit einem Einmachglas, das  ich mit Sand und Wasserpflanzen aus den Gräben und mit Stichlingen besetzte, die jedoch darin nie länger als ein bis zwei Tage überlebten. Für ein richtiges Aquarium aber hatte ich kein Geld. So fing ich an zu sparen, d.h. durch Äpfel und Holzsammeln, kleinere Arbeiten bei der Landwirtschaft, mir nach und nach etwas Geld zu verdienen, denn ein Aquarium war teuer. Bis ich das Geld nach ungefähr einem Jahr für ein kleines, eisengerahmtes Aquarium zusammen hatte, ging ich immer wieder zu Herrn Kempf, seine Guppys anzuschauen. Er hatte Freude an meinem Interesse und als ich endlich mir ein kleines aber richtiges Aquarium leisten konnte, schenkte er mir gleich ein paar Aquarienpflanzen und einige Guppys. So fing es an und dauerte meine ganze Schulzeit hindurch, an deren Ende ich drei Aquarien und einige Erfahrung mit Aquarienfischen und deren Ernährung mit Lebendfutter aus den heimischen Tümpeln und Gräben hatte.

 

2. Hilfsangler bei Robert Nägele: Parallel dazu erwuchs meine Leidenschaft für die Angelei. Angeregt wurde sie durch unseren Nachbarn Robert Nägele. Er war ein Freund meines Großvaters und hatte mit diesem viele Jahre gemeinsam in holländischen Diensten auf Java verbracht. Nun war er ein alter, gehbehinderter Mann und angelte. Die Gelegenheit dazu bot sich ihm dadurch, dass er in der Düdelsheimerstraße 23 in dem großen Haus wohnte, das nach dem großen Schlossbrand in Lindheim 1929, Anfang der 30er Jahre gebaut wurde. Zu dem Schloss gehörte ein großes Parkgrundstück, das zur Straße hin durch eine Mauer abgeschlossen und im weiteren von Nidder und Seemenbach umflossen mit dem Grundstück meines Großvaters gleichsam auf einer Insel liegt. Zu dem Schloss gehörte seinerzeit auch das allerdings nicht verbriefte und deshalb auf Dauer nicht bestandsfeste Fischrecht in den umfließenden Gewässern. Onkel Robert, so nannte ich ihn, war der Letzte, der es ausübte und hatte es mit seiner Gehbehinderung folglich nicht weit, um an den Bach zu kommen und eine Auswahl guter, sogar sehr guter Angelplätze. Da sein Grundstück und unser Grundstück das alte Schlossgrundstück sind und die Nachbarschaft eine enge Freundschaft war, waren beide Grundstücke für beide Seiten immer offen, bis heute.

 

Meine Neugier wurde erweckt, als er einmal an den Zaun kam und meinem Großvater zwei große noch lebende Döbel zeigte, die er gerade mit Maikäfern am Bach hinter dem Lindheimer Sportplatz gefangen hatte und dann in das große Becken seiner alten Waschküche setzte, in dem ich sie bewunderte. Seit dem wurde ich sein regelmäßiger Begleiter, fing für ihn Regenwürmer, trug seinen Klappstuhl und das Eimerchen mit Köderfischen für die Hechtangel. Seine bevorzugten Angelplätze, damals wohl die besten in der ganzen Gemarkung, waren die Einmündung des Seemenbaches in die Nidder, das sogenannte Sportplatzeck, das von der Parkseite noch vorteilhafter war als von der Sportplatzseite und das sogenannte Kap Landsende. Das ist die Stelle, wo am Ende des Parkes der Mühlgraben, alias Stengesbach, in die Nidder fließt. Dort hatte er sogar einen kleinen Steg gebaut, der die Landspitze verlängerte. An seiner Seite erlernte ich den Grundkurs der Angelei. Unvergesslich ist mir der Geruch seiner Wurmbüchse, weil er die Regenwürmer in einer feuchten Mischung  aus Zeitungspapier und Kaffeesatz aufbewahrte, die das Koffein darin angeblich munter machte.

 

An den genannten Angelplätzen stellte Onkel Robert regelmäßig Hechtangeln auch über Nacht und morgens, bevor ich zur Schule ging, kontrollierte ich als erstes diese Angeln und oft waren sie ausgezogen, d.h. ein Biss! Ich rannte dann zu ihm ins Haus und rief schon von weitem: „Ein Biss! Ein Biss!“ Er eilte herbei und dann begann die unvergesslich spannende Phase, war ein Hecht dran?  war er noch dran? oder hatte nur ein in die Schnur getriebener Ast diese mit der Strömung soweit, d.h. gelegentlich bis unter die Kuhbrücke, ausgezogen?  Wenn er dann die Schnur nicht los bekam, weil sie mit oder ohne Hecht zu fest im Kraut hing, war es meine Aufgabe ins Wasser zu baden und der Sache auf den Grund zu gehen. Manch toten Ast habe ich so ans Tageslicht befördert, aber auch manch schönen Hecht und darüber auch manche erste Schulstunde versäumt. Es war jedes Mal ein Abenteuer. Wohl als Belohnung für meine Verdienste schenkte er mir ein Jahr darauf zu meinem Geburtstag die erste Angel, die er für mich aus einer langen Haselgerte gemacht hatte, an deren Spitze echtes Vorfach (das war für uns Buben damals etwas ganz besonderes) befestigt war, mit einem von ihm geschnitzten Korkschwimmerchen und einem echten kleinen Angelhaken. Ein echter Angelhaken, das war für uns Jungs damals eine Kostbarkeit. Wer beim Fische fangen im Bach ein von der Angel abgerissenes Stückchen Vorfach mit einem Angelhaken fand, hatte einen Schatz gefunden, um den ihn alle beneideten, denn das war anderes Gerät als umgebogene Stecknadeln an „Wurschtkordel“. Mit dieser Angel fing ich für Onkel Robert von unserem privaten Gelände aus, auf das sonst niemand Zutritt hatte, Köderfische. Ein Gründling – wir nannten ihn Grasse - war mein erster, selbst geangelter Fisch.

 

3. Fische fangen: Es blieb aber nicht beim Angeln, denn im Bach zu spielen war trotz der Gefahr sich eine Scherbe in den Fuß zu treten (das kam immer wieder vor) für uns Buben im Unterdorf, wo die Bäche flossen, das sommerliche Hauptvergnügen und im Bach spielen hieß Fische fangen. Wenn uns die Enzheimermühle, die den Wasserstand in Lindheim regulierte, Flachwasser bescherte, fingen wir mit Blechbüchsen, dann Einmachgläsern Schlammbeißer und Gründlinge und wer besonderes Glück hatte, erwischte auch einmal ein kleines Rotauge oder einen kleinen Döbel. Dann bauten wir Teiche am Ufer und setzten die Fische hinein. Über den damaligen Fischreichtum in den Bächen macht man sich heute keine Vorstellung. Auch wenn Abwässer aus der Stockheimer Flachsfabrik wieder einmal ein Fischsterben verursachten, war das  doch in kürzester Zeit überwunden. In den großen, mit der Nidder verbundenen Gräben (Grenzgraben nach Hainchen und der Graben am Ochsenweg nach Enzheim) laichten im späten Winter die Hechte, deren Brut dort aufwuchs. Ich erinnere, dass ich bei sehr flachem Wasser einmal bei uns im Bach stand, als sich zwei Hechte den Bach herab wälzten, weil das Wasser zu niedrig war, als dass sie richtig hätten schwimmen können. Sie waren so groß, dass ich mich als Kind vor ihnen fürchtete und aus dem Bach floh, sie vom Ufer aus mit Steinen bewarf, bis sie ins tiefere Wasser entkamen. - An unserem Nichtschwimmerbadeplatz am Seemenbach direkt hinter dem Sportplatz (dort lernte ich Schwimmen) war im Sommer eine vieltausendfache Fischbrut zu sehen. Stieg man ins Wasser, verschwand sie. Blieb man ein Weilchen ruhig im Wasser stehen, so kam die Brut wieder hervor und tausende kleiner, glitzernder Fische umkreisten einen, manchmal auch zog ein größerer dunkler Fisch durch das Glitzergewimmel - magische Bilder. Ich erinnere mich auch, dass es in dem Stück hinter dem Westernacherschen Hof einmal zur Laichzeit, so von Weißfischen wimmelte, dass die großen Jungs sie mit Mistgabeln stachen. Dort fingen wir nicht nur Kleinfische, sondern wir riegelten bei flachem Wasser mit Steinen schräg den Bach ab, ließen ein Öffnung, in diese legte wir ein aus Maschendraht („Hasendraht“) geformtes Netz, an dem eine Schnur befestigt war, die einer am Ufer stehend in der Hand hielt. Die anderen trieben die Fische gegen die Mauer, die das Netz im Durchlass übersahen und hineinschossen, das dann sofort mit den gefangenen Fischen hochgerissen wurde. So haben wir wirklich große Döbel erbeutet und einmal sogar einen Karpfen.

 

Die Hauptangler im Dorf waren uns alle bestens bekannt, Ernst Schäfer, Fritz Koch (genannt Kochmartins Fritz), der lange Brandt, Karl Corvinus u.a. Dass wir ihnen Köderfische (Stellfische) fingen war ihnen recht, doch die Netzfischerei ging ihnen zu weit und wenn sie uns dabei erwischten wurde es gefährlich. Am meisten fürchteten wir den Ernst Schäfer, denn während die anderen nur laut wurden, wenn sie uns zufällig erwischten, legte dieser sich auf die Lauer und wen er dann zu fassen kriegte, dem setzte es kräftige Ohrfeigen. An eine Anzeige wegen Fischwilderei oder dergleichen war jedoch nicht zu denken, das hätte keiner getan. Was zu regeln war, wurde auf ländliche Weise untereinander geregelt

 

4. Lehrbub bei Karl Corvinus: Robert Nägele starb 1955 und damit hatte ich meinen ersten Lehrmeister verloren. So schloss ich mich Karl Corvinus an, auch er hinkte und war Konditormeister seines Zeichens. Er hieß Karl wie mein Vater und da beide zusammen in Kriegsgefangenschaft waren, genoss ich sein Wohlwollen. An seiner Seite lernte ich nun als Köderfischeimerträger die übrigen Angelplätze an Nidder und Seemenbach kennen, die er mit seinen meterlangen Bambusruten vornehmlich am Wehrbach aufsuchte, d.h. das Nidderstück zwischen Lindheimer- und Enzheimer Wehr. An diesem gab es einmal eine dramatische Szene. Karl ließ mitten in dem schäumenden Wasser direkt am Wehr die Hechtangel treiben, die in dem bewegten Wasser auf und nieder tanzte und wiederholt plötzlich ganz verschwand. Doch war es jedes Mal einer der großen Steine, die dort lagen, an denen der Köderfisch hängengeblieben und meist abgerissen war. So hatte er schon ein halbes Dutzend Köderfische verloren. Da war es plötzlich wieder so weit, er fluchte, riss die Angel an, aber diesmal kam der Widerstand nicht von einem Stein, sondern von einem starken Fisch. Karl versuchte ihn zu halten und ich sollte ihn unten am Ufer mit dem Kescher fassen. Doch der Kescher war viel zu kurz und die großen Steine erlaubten gar kein vernünftiges Hantieren damit. Also musste ich in das schaumbedeckte, strudelnde  Wasser, in dem gar nichts zu sehen war. Kaum war ich einen Schritt in der Flut fiel ich der Länge nach hin, erhob mich mit schmerzlich angeschlagenem Knie, suchte die Schnur zu fassen, um zu dem Fisch zu finden. Oben am Wehr stehend schrie Karl mir Anweisungen zu, die ich in dem Gebrause nicht verstand und fiel wieder hin, allerdings ohne die Schnur loszulassen, denn ich spürte, dass ich dicht am Fisch war. Ich griff mit der anderen Hand zu und griff voll in den Drilling, der dem Hecht am Maul hing. Meine Hand blutete aber ich hielt fest und arbeitete mich mit einem starken Hecht an der blutenden Hand, quatschnass und schmerzendem Knie aus dem Wasser heraus. Es war eine große Aufregung. Als Schmerzensgeld und Belohnung für diese Heldentat schenkte mir Karl den Fisch. So kam ich nach Hause, tropfnass mit blutendem Knie und  blutender Hand. Meine Mutter fragte: „Wo warst Du denn???“ Ich sagte nur: „Mit Karl angeln.“ Dann holte ich den Fisch hervor und meine Mutter hat ihn köstlich mit etwas Käse überbacken auf den Tisch gebracht.

 

5. Herr in Onkel Roberts Revier: Da nun Robert Nägele tot war und ich in Büdingen, wo ich inzwischen zur Schule ging, beim Sportgeschäft Fötsch in der Bahnhofstraße meine Angelausrüstung nach und nach erweitert hatte, gehörte das Angelwasser um den Park sozusagen mir allein. Und ich profitierte reichlich davon. Die Lindheimer wussten alle, dass ich dort heimlich angelte, aber es war sehr schwer, mich zu erwischen, weil das Grundstück privat war und ich unter den überhängenden Ästen beste Deckung hatte. Es kam dann die Zeit, wo auch aus dem Frankfurter Raum vermehrt Angler aus dem Verein nach Lindheim kamen, nicht nur der alte Richter aus Bergen-Enkheim. Die kamen dann an schönen Wochenenden auch mit Liegestuhl, Kofferradio und Ehefrau. Kofferradio und Liegstuhl waren für die Damen, die das Angeln langweilte. Es kam vor, dass sie sich ganz allein am Wasser wähnten und sich in unverhüllter Schönheit zwanglos der Sonne und meinen, durch das dichte Laub spähenden Augen hingaben. Das sind ebenso unvergessene Bilder wie die Kämpfe mit dem Hecht am Wehr.

 

6. Mitglied in Verein: So trieb ich meine private Parkangelei gut drei Jahre, doch merkte ich an den gelegentlichen Bemerkungen, der mir im Grunde wohlwollenden Lindheimer Angler, dass ihre Toleranz meiner bekannten aber unbewiesenen Schwarzfischerei auf die Dauer nachließ und sie mir immer öfter nahe legten, endlich in ihren Verein einzutreten. Ich merkte selbst, dass ich es so nicht mehr lange treiben konnte und da ich auch endlich außerhalb des Parkgeländes fischen wollte, trat ich 1959 dem Frankfurter Fischereiverein von 1875 bei. Nun war ich frei für den ganzen Raum zwischen Glauberg, Düdelsheimer Grenze und dem Altenstädter Loch. Auch besuchte ich jetzt die Jahreshauptversammlung des Vereins. Walter Effenberger, Kuhschweizer auf dem Westernacherschen Hof war auch Angler geworden und nahm mich in seinem Zweisitzer Lieferwagen auf die Versammlung mit. Wenn den Lindheimer Anglern etwas nicht passte, einmal probten sie sogar den Aufstand und wollten sich selbständig machen, musste ich bei der Versammlung den Wortführer geben, weil ich auf die höhere Schule ging und sie deshalb meinten ich könne besser reden als sie. Damit war ich im Nu seinerzeit im ganzen Verein bekannt. Die Versammlungen zogen sich endlos hin und wenn sie endlich vorbei waren begann erst der „gemütliche Teil“, in dem die gefangenen Fische immer größer wurden. Walter Effenberger trank ein Bier nach dem anderen und noch ein paar Schnäpse dazu bis es endlich in der Dunkelheit auf die Heimfahrt ging. Ich saß hinten auf der Pritsche, Walter erheblich betrunken am Steuer, neben ihm ein anderer Lindheimer, der auch ziemlich geladen hatte. Wir kamen glücklich nach Hause, doch zwei Dachrinnen und eine Hausecke mussten unterwegs dran glauben.

 

7. Die fatale Kartoffel: Erzählen will ich auch vom Bergheimer Otto, so nannten wir ihn, weil er aus Langenbergheim kam. Er ging immer ans Sportplatzeck, wenn es frei war. Dort saß er als ich von der Parkseite ans Ufer trat. Nach dem Gruß ergab ein Wort das andere und ich fragte, ob es bisse. Ärgerlich sagte er, er sei schon zwei Stunden hier und angele mit Kartoffeln auf einen Karpfen, den er vor ein paar Tagen hier an der Angel gehabt hätte, aber es hätte sich noch gar nichts getan und er war kurz davor aufzugeben. Ich fragte ihn, ob er mir einmal eine Kartoffel geben könnte und großzügig warf er mir eine über den Bach zu. Ich köderte damit meine Angel und warf sie wenige Meter neben ihm aus. Keine 15 Minuten später hatte ich einen starken Karpfen am Haken, den ich mit meinem schwachen Geschirr nicht halten konnte und der gleich ins Schilf ging. Ich stieg ihm nach in den schilfigen Schlamm und rührte damit die ganze Angelstelle auf. Otto aber stand oben am Ufer schrie und schimpfte, dass ich mit seiner Kartoffel seinen Karpfen gefangen hätte! Leider hatte ich nicht die Großmut eines Karl Corvinus, ihm den Karpfen zu schenken, ich war noch zu jung. Aber Otto war mir von da an böse und sein Lebtag hätte er mir nie mehr eine Kartoffel geschenkt.

 

8. Ratten schießen: Mit 18 Jahren kaufte mir mein Vater mit meinem über Jahre ersparten Geld ein sehr schönes Kleinkalibergewehr, Fabrikat Walther. Meine beiden Großväter waren hervorragende Schützen gewesen, mein Vater im Krieg Scharfschütze, schon mit frühen Jahren hatten mein Bruder und ich Luftgewehre, um Spatzen zu schießen, was damals im Dorf völlig üblich war, gab es doch auf der Bürgermeisterei für jedes Paar Spatzenbeine 5 Pfennige, und da der Bürgermeister Spatzenbeine von Rotkehlchenbeinen nicht unterscheiden konnte musste auch so manches andere Vögelchen sein Leben lassen für unser Kirmesgeld. Wenn dann der Bürgermeister sagte, wir sollten die Spatzenbeine hinten auf den Mist werfen, taten wir nur so, steckten sie in die Tasche und präsentierten sie drei Tage später wieder. Aber ein Kleinkaliber, das war etwas anderes und natürlich nahm ich es mit zum Angeln, das heißt auf die Rattenjagd. Schon lange hatte ich beobachtet, dass bei längerem Stillsitzen am Wasser am gegenseitigen Ufer oft Ratten hervorkamen, an der Wasserlinie entlang liefen, auch über den Bach schwammen. Sie wurden mein bevorzugtes Wild und selten hatte ich mein Gewehr umsonst mit an den Bach genommen. Eine Ratte war fast immer fällig, oft aber drei, vier Stück.

 

9. Der Nachwuchs: Als ich nun im ganzen Lindheimer Gebiet fischen ging, schlossen sich mir auch Kinder an, wie ich mich als Kind angeschlossen hatte. Der erste war der Sohn eines Arbeiters auf dem Westernacherschen Hof. Er hieß Dieter Kruppa, genannt Didi, der mir bis in den letzten Winkel seines Kinderherzens ergeben war. Dreckig und abgerissen war er, wie nur je ein Gassenbube sein konnte, denn in der Gosse begegnete ich ihm zuerst, wo er mit seinem jüngeren Bruder Dausi (Klaus) wie die Spatzen Staubbäder nahm. Wo immer er mich sah, ließ er alles stehen und liegen und folgte mir nach. Und wenn seine Eltern hinter ihm her schrien, schrie er zurück: „Leck mich am Arsch!“ lachte mich fröhlich an und dachte gar nicht daran, zu gehorchen. Ebenso wenig dachte er an die Prügel, die ihn zu Hause erwarteten, wenn er zurück kam. Da er schräg gegenüber wohnte konnte er leicht sehen, wenn ich aus dem Mauertürchen kam. Passierte ich jedoch einmal unbemerkt und sah er durch das Gittertor meine Angeln nicht am gewohnten Platz an der Remise stehen, dann nahm er das alte, klapprige Fahrrad seiner Mutter, das er kaum bewältigte und machte sich auf die Reise, mich zu suchen. Meinen Namen laut rufend radelte er die Bachdämme ab, da ich oft in Kraut und Büschen versteckt am Ufer lag. Oft sah ich ihn von ferne kommen, ein zwischen zwei Rädern auf und ab hüpfender strohblonder Kobold, denn er kam in dem hohen Damenrad noch nicht auf den Sattel und fuhr stehend. So klapperte er heran. Aber wie oft suchte er mich auf der verkehrten Seite und musste mangels Brücken die ganze Tour zurück und noch einmal radeln.

 

Ich hatte ihn dazu erzogen, das Rad schon 100 m vor meinem Angelplatz abzulegen, dann schlich er heran und fragte strahlend: „Haste schon was gefange?“ Dann hockte er sich neben mich und oft wenn das Wetter kalt und nass war oder umschlug, wollte ich ihn nach Hause schicken. Aber stets erklärte er mit leuchtendem Blick er fröre nicht und war doch oft in seinen dünnen, abgerissenen Kleidern, die ihm der Regen an den dürren Leib klebte, ein Anblick des Elends, wenn er nicht immer so gestrahlt hätte. Er war wie ein heimatloser Hund, der sich einen neuen Herrn auserkoren hat und sich eher von ihm tot schlagen lässt, als von seiner Seite zu weichen. – Bevor er jedoch selbst richtiger Angler werden konnte, hat er sich mit seinem ersten Moped zu Tode gefahren.

 

Unter meinen späteren Begleitern tat sich hervor Karl Heinz Elbrecht, der nicht ganz 10 Jahre jünger ist als ich. Da er im „Stengeseck“ (= Heugasse) und damit nahe am Stengesbach wohnte, kam er oft schon als ich noch allein und unerlaubt im Park angelte, ans Wasser. Dort erwischte ich ihn einmal, wie er Fische fing und machte ihm Angst. Doch schon beim zweiten Mal verstanden wir uns und er begleitete mich auf den weiteren Touren. Er war überaus findig und hatte bald seine eigenen Theorien über die Fische und ihre Gewohnheiten und bevorzugten Plätze. Das regte auch mich an und so probierten wir gemeinsam nicht nur die erlaubten, sondern auch manche unerlaubte Methode der Fischerei mit oft beachtlichem Erfolg aus. Daraus entwickelte sich eine recht enge Anglerfreundschaft, die in gewisser Weise bis heute besteht. Dann aber riefen mich die Bundeswehr und anschließend das Studium aus der Lindheimer Angelei ab. Zu der Zeit hatte Karl Heinz dann auch schon eine Freundin, die er mit an den Bach brachte und die ich dort zum ersten Mal sah, bevor sie später seine Frau wurde. Er wurde ein großer Angler und Jäger während mich das Leben in andere Zonen rief.

 

10. Nachtangeln: Zum Schluss will ich noch des Angelns in den kurzen warmen Sommernächten gedenken. Nachtangeln, schon das Wort hat eine besondere Poesie. Bis Mitternacht und kurz danach fingen wir manchmal eine ganze Reihe sehr schöner Aale, aber dann zogen sich die Stunden hin, der Bach schien tot, hier und da quakte ein Frosch, platschte eine Bisamratte, dann sangen zaghaft die ersten Vögel, es taute und der Morgen graute. Dann ließen wir oft die Angeln am Wasser liegen und gingen zum Enzheimerkopf und holten uns an den Kirschbäumen das erste Frühstück. Kam dann die Sonne hoch und es wurde warm badeten wir, bevor wir müde mit Aalen und Angeln nach Hause zogen. Mit viel Glück und richtigem Gespür für Ort, Zeit und Köder, das jeder erfolgreiche Angler haben muss, ließ sich bei einem solchen Nachtangeln in warmer Sommernacht auch ein Frauenherz fangen. Doch das ist eine andere Geschichte.                                            ED